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| die Not der Heimatlosigkeit, die Not seelischer und geistiger Verkümmerung, | |
| die Not zahlloser unbeantworteter Fragen des sittlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Lebens, | |
| die Not einer religiösen und sittlichen Kraftlosigkeit unter den materiellen und geistigen Anfechtungen und Katastrophen unseres Jahrhunderts, | |
| die Not einer dauernd zunehmenden dogmatischen und theologischen Zerrissenheit und Verworrenheit, | |
| die Not einer mit allen Mitteln vorgetäuschten Einheit und Vollmacht evangelischen Kirchentums und Glaubens, | |
| die Not einer geistigen Zwangsherrschaft gewisser protestantischer „Dogmen“ und Frömmigkeitsformen, welche zu durchbrechen nicht einmal dann ertragen wird, wenn sich der fromme Christ dabei auf die heilige Schrift, auf die Übung der reformatorischen und vorreformatorischen Christenheit ... berufen kann; | |
| hinzu kommt die Not einer Unterdrückung der unverkürzten Schriftwahrheit zugunsten einseitiger oder gar schriftwidriger protestantischer Überlieferungen, eine Not, die uns mehr beschwert und die Kirche mehr gefährdet als die Unterdrückung des Evangeliums durch die „Deutschen Christen“ (...) Denn damals suchten offen erkennbare politische Kräfte das Wort Gottes zu unterdrücken, heute leidet die Wahrheit Gewalt im Schutze der "rechtgläubigen“, offiziellen Kirche und weiter Kreise der kirchlichen und theologischen Führung. | |
| Endlich aber auch — von nicht geringem Gewicht — die Not gewisser konfessions- und kirchenpolitischer, aber auch weltpolitischer Richtlinien, welche dem evangelischen Kirchenvolk durch Synoden und kirchliche Führer sowie durch die „öffentliche Meinung“ in Presse und Radio einfach aufgezwungen werden. |
Nicht alle Leidenden wissen um die Ursprünge dieser Nöte. Aber sie ahnen, daß die Wende keinesfalls durch ein größeres Maß der Frömmigkeit, der Bekehrung und des Glaubens — sei es des Einzelnen, sei es der Gesamtheit evangelischer Christen — herauf geführt wird. Sie ahnen, daß es ihnen selbst und unserer Kirche am vollen Sein aus der Wahrheit mangelt. Nicht als ob ihnen die Teilnahme an dem Leben und an der Wahrheit des Leibes Christi überhaupt zweifelhaft sei! Aber daß es eine verminderte, eine mangelhafte, eine unzulässig vereinfachte und darum auf die Dauer nicht lebensfähige, weil das Göttliche und Christliche nicht in seiner Ganzheit repräsentierende Teilnahme sei — das beginnt ihnen heute auf zugehen.
(...)
Viele evangelische Christen tragen diese Not seit Jahrzehnten als eine schwere und zermürbende Last. Von ihren Oberen und Hirten werden sie in der Regel wenig verstanden, selten ernst genommen, zumeist als Außenseiter totgeschwiegen oder auch beargwöhnt. Es ist nicht geraten, sich offen über diese Dinge auszusprechen.
(...)
Sind doch die Zeiten bereits da — und sie
schicken sich auf der ganzen Linie an, die Gestalt evangelischer Frömmigkeit und
Kirchlichkeit zu bestimmen —‚ in denen uns nicht einmal mehr der Anschluß an
gemeingültige Glaubenswahrheiten des Pietismus, der lutherischen Orthodoxie, gar
nicht zu reden vom Reformationszeitalter, gelingen will.
Trotz aller Gegenbewegungen einer neuen Orthodoxie schreitet die Neigung des
evangelischen Kirchenvolkes und vieler Amtsträger immer mehr auf eine
gesteigerte Spiritualisierung der christlichen Offenbarung zu, auf eine
Auflösung aller objektiven, heute uns angehenden und heilenden Heilsgüter und
Heilswahrheiten durch einen rationalistischen Historismus oder mystischen
Existentialismus und Personalismus, der nur noch christlich und biblizistisch
getarnt wird. Evangelische Frömmigkeit neigt im ganzen immer mehr dazu, sich
völlig in einen beliebigen religiösen Subjektivismus „positiver“ oder
„liberaler“ Prägung zu verlieren, dem nur noch das "Ereignis“ des Glaubens, aber
nicht mehr das Dogma des Glaubens bedeutsam ist. Was für Luther noch
Christenheit, christliches Leben, christliche Wahrheit, Gottes Wort war, ist dem
Glaubensbewußtsein evangelischer Christen von heute nur noch in erschreckender
Verminderung gegenwärtig.
Wer sich bemüht, das evangelische Volk zur
tatsächlichen Schrift Alten und Neuen Testamentes und zur lutherischen
orthodoxen Kirche zurückzuführen, muß in der Regel mit der sofortigen
Abwehrbewegung gegen unerwünschte „Rekatholisierungsversuche“ rechnen. Geradezu
„lutherische“ (sprich: gemeinchristliche, apostolische!) und evangelische
Wahrheiten werden dem sich mühenden Pfarrer auch dann nicht abgenommen, wenn er
die Gemeinde darauf hinweisen kann: „Das steht in der Bibel — das ist
lutherische Lehre — das ist der Glaube unserer Väter, den sie in unseren
Bekenntnissen bekannt haben!“
Warum „zieht“ dieser Hinweis auf solche Autoritäten nicht mehr? Weil die
Gemeinde offensichtlich auf diese Autoritäten —Schrift, lutherische Lehre
und Kirche, kirchliche Väter, Bekenntnisse und Dogmen — ihr vertrautes
„protestantisches“ Exklusivprinzip anwendet. Man wendet nämlich ein: über mein
Glauben und Leben steht solchen irdischen Autoritäten, etwa dem Buchstaben des
Bibelbuches, der zeitbedingten lutherischen Kirche samt ihren Bekenntnissen und
Dogmen keine göttlich verbindliche Autorität zu! Meine verbindliche Autorität
ist — alles Menschliche ausgeschlossen — Gott allein.
Wer aber ist dieser Gott? Es ist — bestenfalls
noch! — der Gott der Bibel, wie ich, der einzelne, Gott in der Bibel zu
finden meine oder zu finden wünsche. Die Autorität, welche meinen Glauben setzt
und überwacht, bin also ich selbst, der ich mir einrede, durch die
Konfrontierung meines einsamen Ich mit der Bibel aller menschlichen Autorität
entronnen zu sein und so eben recht reformatorisch „Gott allein“ die Ehre
gegeben zu haben.
Diese Anschauung von der verbindlichen Autorität für den evangelischen Christen
wird heute nicht nur von der Mehrzahl aller evangelischen Christen praktiziert —
weithin ohne daß sie sich ihrer Problematik bewußt sind! —‚ sie wird auch von
den Theologen unter ausdrücklicher Berufung auf das lutherische Grundprinzip
theoretisch gerechtfertigt. Es bedarf keiner Erläuterung, daß Luther diese
Entwicklung einer „erneuerten apostolischen Kirche“ nicht gewollt hat. Man
braucht kein Prophet zu sein, um sagen zu können, daß es Luther sehr schwer
fallen dürfte, in der evangelischen Kirche des 20. Jahrhunderts die Kirche der
Reformation wiederzuerkennen."
Aus: "Ein Hilferuf aus der Kirche für die Kirche" (1955) von Max Lackmann:
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